… Sie waren kulturbewusste Menschen, die beiden, nein, man müsste schreiben, dass sie regelrecht mit der Kultur verwachsen waren. Andere, weniger respektvolle Mitmenschen würden eher sagen, sie war ihr Hobby, die Kultur, ihr einziges Hobby. und zu diesem gehörte alles, was kultiviert und zu kultivieren war: die schöne Kunst, die schöne Literatur, die schöne Musik und natürlich auch gutes Essen, guter Wein und schöne Reisen. Würdevoller ausgedrückt: Die beiden hatten ihr Leben der Kultur gewidmet. Ihr Leben ausserhalb der Arbeit, so müsste man allerdings präzisieren, denn beide waren sie auch arbeitsam und zuverlässig, und da ihre Berufe ein sowohl regelmässiges als auch ansehnliches Einkommen garantierte, war ihre Kulturteilnahme auf entsprechend hohem Niveau. Wenn sie ausgingen, dinierten sie in gepflegten Lokalitäten, die in den einschlägigen Bewertungsverzeichnissen hochrangig gelistet waren, so hochrangig, dass sie auf der Speisekarte beliebig wählen konnten, denn alles Aufgeführte präsentierte sich in vollem Glanze und schmeckte auserlesen.
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… Cinema Teatro Vittoria –
der frühe Sieg des Lichtspieltheaters …

… Wer das Aussergewöhnliche sucht, findet sich im Heer derjenigen wieder, die ebenso das Aussergewöhnliche suchen, und man setzt ihm das vor, was als aussergewöhnlich gepriesen wird. Immerhin hat er die Genugtuung, über das Aussergewöhnliche berichten zu können, und alle anderen werden ihm die Aussergewöhnlichkeit seines Erlebnisses bestätigen, worauf er sich der Aussergewöhnlichkeit seiner Person erfreuen kann …

… Reinigung der Bäuerin von Carlo Bonomi
(Klebrige Spinnennetze gehören nicht in bronzene Augen) …

… Die christliche Kirche hat es vorgemacht. Sie war nicht nur das Tor zum Himmel, zum ewigen Leben, sondern sie behauptete auch von sich, die ewige Wahrheit zu kennen und die Welt zu deuten. Nicht Galilei war das Problem, sondern die Macht der Kirche, und nicht die Macht war das Problem, sondern all die Menschen, die sich mit dieser Macht begnügten. Sie liebten diese Macht. Denn sie war bequem. Man brauchte nicht zu denken, denn der Heilige Stuhl dachte.

Längst Geschichte, sagst du mir. Richtig. Für viele Menschen allerdings noch keineswegs. Von denen schreibe ich jedoch nicht. Ich schreibe über diejenigen, die sich neue Kirchen eingerichtet haben. Bequeme Kirchen, nicht mehr mit harten Bänken, sondern mit den weichen Wohnstubensofas. Das sitzen sie und haben Recht. Weil sie in die richtige Kirche gehen. Die richtige Kirche ist die Kulturkirche. Sie ist ein riesiger unförmiger Bau, dessen Umfang nicht abzusehen ist. Sie ist eine Konstruktion von all den Wahrheiten und Wichtigkeiten, die uns stets vorgesetzt werden, und zwar so laut, dass es schwer ist, nicht in den Chor der Gläubigen einzustimmen. Wer sind die Gläubigen? Alle diejenigen, die das Kulturelle an sich als gut und wertvoll bezeichnen.

Das Kulturelle. Das Kulturgut. Das schützens- und pflegenswert ist. Das einen Wert an sich darstellt – das nicht für etwas gut ist. Sondern bereits an sich gut ist. Das gibt es doch, wendest du ein. All die Schätze, die wir verehren. Die Schätze der Musik, der Kunst, der Literatur.

Und ich sage dir, dass ich nicht daran glaube. An den Wert an sich all dieser Dinge. Die Werke werden untergehen, deren Erinnerungen werden sich verwischen. Weil sie ihre Bedeutung verloren haben, denn die Menschen richten sich nicht nach den Bedeutungen, sondern diese finden sich durch die Menschen. Und bedeutungsvoll werden die Worte und Klänge sein, die in der zukünftigen Welt einen Sinn ergeben. Hast du die Spolien in Ravenna oder Aachen bemerkt? Die Reste von Säulen und die Bruchstücke von Kapitellen, die in die Wände gepflastert wurden? Ihrer Bedeutung entleert sind sie wieder einfache Steine geworden.

Aber nicht davon will ich schreiben. Sondern dich warnen. Vor dem Glauben an die grossartigen Werke. Achte sie. Ehre sie. Aber glaube ihnen nicht. Vertraue ihnen nicht. Denn dein Glauben macht dich blind. Blind für die Bedeutungen der Welt, die auf dich einströmt. Denn die Welt ist eine neue, noch unverstandene, und wenn du dich an die alten Bedeutungen hältst, verstehst du das Neue nicht. Das Neue ist nicht das, was als Neues gepriesen wird. Das Neue ist das, was schwer zu verstehen ist. Weil es der Deutung harrt. Weil seine Bedeutung noch keine Worte gefunden hat.

Suche den Sinn, erkunde die Bedeutung dessen, was auf dich zukommt. Und halte dich an deinen Verstand. An dein Gefühl, an deinen Schmerz und deine Freude. Lerne das dir Fremde kennen. Es liegt vor deinen Augen und flüstert dir zu.

Und halte dich an den Verstand derjenigen, die die Welt so erkunden wie du. Sie sind, als Forschende, schwer zu orten, denn sie horchen und ihr Auge schweift genau wie ihr Geist. So sind sie, als Lauschende, schweigsam. Sie sind in steter Bewegung, vermeintlich richtungslos, denn ihre Bewegung gehorcht ihrem Suchen, nicht dem trägen Glockenklang des längst Bekannten …

… Ufficio Postale di Novara: das lichteste Postamt der Welt …

… Du besuchst eine der oberitalienischen Städte und entdeckst am Abend den Broletto oder Arengo. Du bewunderst die geschlossene Schönheit des Platzes oder Hofes, der seinerzeit – im Mittelalter – der Volksversammlung diente. Und: Du bedauerst, dass die Gesellschaft anscheinend nicht weitergekommen ist, im Gegenteil, denn Volksversammlungen finden heutzutage nicht mehr statt, ausgenommen Popkonzerte oder Opernaufführungen, das heisst nur noch dem Genusse der einzelnen Besucher dienend.

Früher war es also besser; früher war der Stadtbewohner souveräner? So fragst du und fragst dich in der Geschichte herum – und beginnst zu zweifeln. War der Arengo der Ring, in dem sich die Bürger organisierten und sich ihrer kollektiven Macht bewusst wurden oder war er der Ort, zu dem die Bürger herbeigerufen wurden, um ihnen die fürstliche Macht zu demonstrieren und ihnen den Marsch zu blasen? Wie es die Faschisten zeigten, die es liebten, vom Balkon herunter das Volk zu beschwören? Deine Zweifel wühlen sich weiter durch die Seele und kommen nicht zur Ruhe.

Doch dann blickst du dich um und du freust dich, dass der Broletto von Novara so schön renoviert und sogar öffentlich begehbar wurde. Er bildet wieder das Zentrum der Stadt. Immerhin.

Aber er ist kein politischer Ort, und so meldet sich der Zweifel erneut. Und das Volk wird nicht gefragt. Seinem Verstand traut man nicht. In der mittelalterlichen Stadt nannte man das Haus der Kommune zwar «Palazzo della Ragione», also «Palast der Vernunft» oder «Palast der Rechenschaft». Der Rechenschaft, die der Bürger von der Regierung erwartete.

Nannte man. Damals. Und heute? Das Volk wird nicht gefragt. Es wird nur für Wahlen an die Urnen gerufen. Kein Wunder, dass es erst einmal «Nein!» ruft, wenn es ausnahmsweise und erst noch aus taktischem Kalkül heraus gefragt wird, wie jüngst in Grossbritannien zur Mitgliedschaft in der EU.

Das Volk wird nur im Schweizer Kleinstaat befragt, und der hat nichts zu sagen, was die Läufe der Welt betrifft. Warum traut sich der Rest des Weltverstandes weniger zu als der Schweizer dem Schweizerverstand? Die Schweizer lernen mit ihrem Verfahren immerhin, dass man ab und zu nicht nur zwischen zwei Gütern, sondern auch zwischen zwei Übeln zu wählen hat, entwickeln damit einen Sinn für die Realität und misstrauen den Versprechungen vom Balkon herunter.

Wenn man das Volk nicht befragt, wenn man dem Verstand der Menschen nicht traut, dann werden diese zur Masse, der man vom Balkon, von der Bühne, vom Podium, von den Plakatsäulen und den Bildschirmen herunter vorbeten kann, was sie zu denken und zu fühlen hat. Schwierig und mühsam, sich dagegen zu wehren.

Warum soll einer sich dagegen wehren? Weil die Gefahr besteht, dass die Vernunft zur privaten Angelegenheit deklariert wird. Zugunsten der Unvernunft von Macht.

Trotz allem. Du überquerst am nächsten Morgen den Arengo, den Broletto erneut und hörst das leise Flüstern der Wände, das Dich zur Vernunft ruft, zur Vernunft, die Teil des öffentlichen Willens und Handelns ist. Und du freust dich am neuen Tag. In dessen Licht deine Vernunft gefordert ist …